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Montag, 19. November 2012

Tat-sächlichkeit und Mythos...ein mögliches Vorwort zum Tachelesbuch....

(Bild: ohne Bildung, Kultur und Kunst trägt die deutsche Jugend wieder Uniform....ohne Tacheles kein Klartext.....)




Der Punkt am Tacheles war, dass die Ruine von Beginn an eine Projektionsfläche für Alle darstellte. In nonchalanter Selbstüberzeugung (der Volksmund spräche von Selbstbetrug...) hatte jeder die Möglichkeit, das viel zu große Haus in der Oanienburgerstrasse für sich auszulegen, zu entdecken und zu nutzen. Durch die Implosion der DDR und ihrer Institutionen und den vollkommen unvorbereiteten, von allen moralischen Bedenken freien, Westen wurden "Freiräume" in ganz Berlin geöffnet. Das Gesamtkunstwerk Tacheles war ein Sehnsuchtsort an dem sich diese "Sehn-Süchte" scheinbar erfüllen konnten.

Der linke Berufsjugendliche konnte den pupertären Hausbesetzungspathos der 1980er Jahre immer wieder, aufs Neue, nachspielen. Der kleinbürgerliche Studiumsabbrecher konnte seinen Yuppitraum vom Kulturmanager verwirklichen, der Tourist fand das alternative und künstlerische Berlin, der einsame, verwirrte Teilnehmer an unseren atomisierten Gesellschaftsresten konnte sich als Künstler versuchen und der "Künstler" konnte das Kunsthaus als Wahnehmungsinstrument nutzen. Ängste, Ansprüche, Hass, Familiengefühle, Liebe, Neurosen aller Arten und viel mehr konnte auf das Tacheles projeziert werden. Die Politik konnte sich aussuchen wie sie das selbstbestimmte Kunsthaus für sich instrumentalisierte - die Organisatoren des Hauses konnten im Gegenzug wählen wie die Politik für die Kunst instrumentalisiert werden könne.

Die Kunstruine in Berlin Mitte war immer das (große) ANDERE, das Unverständliche und Schmutzige das man in sich selbst fühlt, meist verdrängt, aber dafür um so faszinierender. Der inhaltliche Unfall an der Oranienburgerstrasse war somit prädistiniert dazu, an allem und jedem "schuld" zu sein, am eigenen Versagen ebenso wie am, lange schon vermuteten, logischen Scheitern jeglichen zivilisatorischen Ansatzes. Die Bürgerkunst des auslaufenden 20ten Jahrhunderts in Europa zeigte ihre verlogene Fratze unverblümt in der Mitte Berlins. Die Generation "kleine Erben" zeigte Giergesichter und Neidkörper in ihrer ganzen abscheulichen Pracht und scheiterten fulminant. Als Beschimpfungsfetisch fand das Kunsthaus seine Bestimmung und bewies einmal mehr was Kunst eigentlich bedeutet- Wahrnehmung und Reflektion.

Die Tragödie für viele persönlich war, daß "wer das Tacheles zur Selbstbestätigung brauchte und sonst keine Perspektiven entwickelte, sofort oder langsam scheiterte", wer in das Tacheles wirklich "investierte" (Arbeit, Kreativität, Ideen,...) konnte an diesem Platz Dinge wahrnehmen und lernen wie nirgendwo sonst, wie tausende Künstler aus aller Welt dies taten. Große Kunst und Scheitern in einem Haus vereint, "so zu tun wie es ist und nicht wie man es gerne hätte, oder gar wie man glaubt - dass die anderen es gerne hätten" war das Geheimniss des Tacheles. Ein Konzept des "radikal Offenen" setzte sich als "konkret Mögliches" durch, die Ergebnisse dieser rudimentären Regulierung von Raum unter Bedingungen der Kunst und nicht des Geschäftes schrieben und schreiben Kulturgeschichte.

In diesem Sinne strahlte das Tacheles in alle Welt hinaus, Genres verbanden sich zu einer Art "Verbundkunst" die dem klassischen Kulturmanagement (der Märkte) entgegengesetzt war und ein tragfähiges Modell für die Zukunft hergab. Als DenkTank der "Freiheit der Schwächeren" wirbelte die einzig wirkliche Beliner Kunsthalle "Tacheles" die von einander, eifersüchtig abgegrenzten Szenen Berlins durcheinander und machte weder vor Politik noch vor Wirtschaft oder Rechtsstaat halt. Die Künstler erklärten Dinge zu Kunstwerken, egal ob Mode oder Geschäft, sie erreichten damit immer wieder Diskurs und Reflektion. Die wettbewerbsneurotische Wachstumsgesellschaft und ihre scheindemokratischen Flausen entlarvte sich am laufenden Band als Selbstläufer und dienten als Ideenspender gigantischen Ausmaßes.

Die Widersprüche, Verwerfungen und Verkehrungen des neoliberalen Putsches und der gegenwärtigen Restauration des Feudalen, waren die Leinwand auf dem das Tacheles seine Wahrmnehmungen manifestierte. Von Rammsteinmusikern bis Amaru Cholango, von Nick Cave bis Gregor Gysi und von Diepgen (und anderen Bürgermeistern) über Jagdfeld nach Harms Müller Spreer reicht der Reigen derer, die Tacheles geliebt, gehasst, genutzt und groß gemacht haben.

Heute ist der Zusammenhang "Tacheles" in alle Welt verstreut, es kann als Marktlogo nicht weiter missbraucht werden. In diesem Sinne ist es richtig "Kunst zu wissen" und nicht "zu glauben" oder anders ausgedrückt. Zitat: Slavoj Zizek (Cicero-07/12-Seite 27.) ....Als sich ein Forscherkollege, der Niels Bohr in seinem Landhaus besucht, überrascht über ein Hufeisen über dessen Tür zeigt und erklärt, er teile nicht den Aberglauben, dass dies böse Geister vertreibe und Glück bringe, kontert Bohr: "Ich glaube auch nicht daran; es hängt da, weil man mir gesagt hat, dass es auch wirkt, wenn man nicht daran glaubt!" Auf diese Weise wirkt Ideologie heute: Kein Mensch nimmt Demokartie oder Gerechtigkeit mehr ernst, wir alle wissen um deren Korruptheit, und dennoch praktizieren wir sie, das heißt, wir demonstrieren unseren Glauben an sie, weil wir annehmen, dass sie auch wirken, wenn man an sie glaubt........ "die Kunst" könnte in dieses Zitat nahtlos eingefügt werden, es war das Verdienst des ehemaligen Kunsthauses und ist die Aufgabe der Tacheles Initiativen heute, aus dem autosuggestiven Glauben an die Freiheit der Kunst, konkrete kreative Prozesse zu generieren die auch - aber nicht nur, als zeitgenössische Kunstentwicklung wirken.

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