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Dienstag, 2. Mai 2017

Kunzt, Berlin und Tacheles


(Bild: Ein ehemaliges Kunsthaus in Berlin aus der Sicht des Malers und Performers Alexander Rodin)

Meine subjektive Sicht der zeitgenössischen Kunst, zu Beginn des 21sten Jahrhunderts – die Kunst und Kulturszene in Berlin von den frühen 90er Jahren bis heute und das Kunsthaus Tacheles als zeit- und spartenübergreifendes Gesamtkunstwerk.

Kunst im 21 Jahrhundert ist eine schwierige Angelegenheit, sie ist eingebettet in eine komplexe Übergangszeit. Eine, durch das Faktische erzwungene Brückenperiode, die sich durch Konflikte zwischen überkommenen, jahrtausendealten religiösem Denken, obsoleter bürgerlicher Nationalstaatlichkeit des 19 Jahrhunderts und der gescheiterten Modernisierung bzw. Motorisierung des 20sten Jahrhunderts ausdrückt.

Dadaismus, Fluxus, die Situationistische Internationale und andere Kunstbewegungen der Vergangenheit, sind interessante Themenkreise, aber in unserer erzreaktionären und gleichzeitig digitalisiert-futuristisch daherkommenden Zeit nur mehr bedingt brauchbar. Vielleicht wäre der momentane Zustand der Welt am besten mit dem Terminus „finsteres, elektronisches Mittelalter“ zu etikettieren, in dem eine unübersehbare Anzahl von Strömungen aus schrecklichen Vergangenheitsszenarios und verheißungsvollen Zukunftsvisionen miteinander und gegeneinander in einer Art globalen Bürgerkrieg liegen.

Das beste Beispiel dafür ist der 11 September 2001. Der Angriff auf das World Trade Center war zweifelsfrei der furchtbare, menschenverachtende, terroristische Akt eines beginnenden Krieges, zwischen dem verarmten Süden und dem reichen, ausbeuterischen Norden. Interessant ist, dass sich diese Gewalttat durchaus auch eines künstlerischen Semantikbegriffes bediente.

Die islamistischen Terroristen nutzten bei dieser Tat, durchaus medienkünstlerische Praktiken, indem sie z.B. die Flugzeuge zeitversetzt in die Türme fliegen ließen. Sie benutzten die Medienpraktiken des Feindes um Aufmerksamkeit zu generieren und richteten so die Technologie des von ihnen verhassten, pluralen Westens gegen ihn selbst. Die gleichen Vorgehensweisen können wir heute aller Orten bei den wiedererstarkenden, rechtsradikalen/terroristischen Bewegungen in aller Welt beobachten. Mit anderen Worten: „Besen - Besen sei`s gewesen...“

Trump, LePen, Erdogan und wie die auch Alle heissen mögen, sind weit mehr grottenschlechte, wahnsinnige, populärreligiöse Künstler als sie tatsächliche Politiker oder Diktatoren sind. Das Problem sind die Opferzahlen die diese „Kreativen des Postfaktischen“ verursachen, in Pflegeheimen, Irrenanstalten oder Aktionskunstgalerien wären, sie zum Wohle aller, besser aufgehoben.

„Die Macht der Bilder wird immer wilder“ - vor diesem Hintergrund scheint es mir angezeigt, die zeitgenössische Kunst entweder radikal zu erweitern, oder zur Gänze fallen zu lassen. Selbstredend beziehe ich mich im Folgenden auf eine offensive Erweiterung, denn das Ende der zeitgenössischen Kunstpraktiken, ist mit dem Satz : „Was soll es - Schwamm drüber, dann machen wir einfach nur mehr Dekoration für die Paläste und Jachten der Oligarchie“ - erschöpfend genug beschrieben.

Die Erweiterung einer „zeitimmanenten Kunst“, also einer in der Zeit eingebetteten Kunst, sollte sich von Dada, Fluxus und Situationisten ausgehenden Überlegung in Richtung digitalisierte, internationalistische Zukunft bewegen. Die Menschenwelt ist multikulturell, ob man dies will oder nicht, ist keine Frage mehr. Der Mensch konstruiert seine Welt und Niemand sonst. Der Künstler als Ingenieur der Zukunft. Dies Überlegung führt uns auch zurück in die Zeit der Renaissance des 15 und 16 Jahrhunderts, in die Tage der großen Generalisten und Fragesteller - wie Botteceli, da Vinci, Bramante, Raffael, Michelangelo, Tizian, Dürer, Dante Alighieri, Shakespeare, Machiavelli, Erasmus von Rotterdem und viele andere mehr.

Es gilt „das Alte“ wieder zu entdecken und zu überprüfen, um das Neue überhaupt denken zu können. Der Pop der zweiten Hälfte des 20sten Jahrhunderts ist gescheitert, er hat uns letztlich. in der Zeit zurück, in eine dunkle, neoliberale Gewaltorgie geführt. Die neue Kunst, besser formuliert „progressive Kunst“ ist keine Angelegenheit einzelner Genies mehr, auch wenn uns die Märkte das genaue Gegenteil suggerieren wollen, sondern kann nur auf Lernen, Zusammenarbeit, Gruppenaktionismus, Intervention, Wissenschaft und Experiment setzen.

Das bedeutet, dass vom Brot backen, über Softwareentwicklung nach Malerei, Theater, Tanz, Musik, Ritus, Maschinenbau, Performance, Fluchthilfe, Altenpflege, Jugendlehre bis zur Wissenschaft und allerlei Dinge mehr, in einem imaginären Sack über der Schulter der Künstler des 21 Jahrhunderts liegen. Wie es aussieht, ist Kunst, Freiheit und Zukunft ersteinmal verdammt viel Arbeit. Oder wie es Protagonisten der Linzer Stadtwerkstatt in Österreich, in den 80er Jahren des 20sten Jahrhunderts so schön formulierten - „So zu tun wie Es ist“. Die Aktionisten des Kulturvereines Kanal Schwertberg in Österreich, formulierten Ende der 80er Jahre ähnlich, als sie behaupteten: „Kunzt muss intervenieren - alles Andere ist nur belanglose Dekoration“

Berlin in den 90er Jahren des 20sten Jhdts. kann uns als Referenz, für die eben angerissenen Thesen dienlich sein. Nach dem Mauerfall entstanden unzählige Freiräume in der Stadt, das zwergenhafte Westberlin musste plötzlich die große ehemalige Hauptstadt der DDR übernehmen. (Auf die fatalen politischen Implikationen dieses Umstandes möchte ich hier nicht weiter eingehen, es würde den Rahmen dieser Veranstaltung sprengen.)

Diese Freiräume, wurden innerhalb kurzer Zeit von Kreativen aus aller Welt in Besitz genommen. Durch die Schwäche der „staatlichen Autoritäten“ in den „neuen Bundesländern“, das alte faktisch-stalinistische Regime war tot und das neue rechtsdrehende-marktradikale Regime war noch nicht stark und skrupellos genug, ergaben sich ungeahnte Möglichkeiten für die Kunst. Clubs, Theaterräume, Kunsthäuser, Hausbesetzungen, Kunst im öffentlichen Raum und tausende Initiativen mehr, materialisierten sich aus dem Nichts in das Vakuum der Zeitenwende. Für einen kurzen, historischen Moment schien alles möglich.

Dabei trugen die unabhängig voneinander agierenden Initiativen schon die Saat der Selbstvernichtung in sich. Die Ostkünstler genossen erstmal ihre neu gewonnene Freiheit, vielen Protagonisten aus dem Westen ging es aber schon um Land- und Inbesitznahme. Im einem Rausch von Kreativität und allzuoft auch irrwitzigem Aktionismus wurden wichtige Fragestellungen einfach verdrängt oder bewusst nicht aufgenommen. Allen vorran die Frage nach Eigentum, hatte doch der, damals bereits marktdeformierte, Westen den kalten Krieg für sich entschieden. Damit war eigentlich die Frage nach, „wer bekommt was, oder wie wird die DDR verteilt“ von alles entscheidender Wichtigkeit.

Die verschiedenen Szenen und Künstlermilieurs arbeiteten, auch damals schon, eher gegen als miteinander, dies ist bis heute so geblieben. Dem grundfalschen, mittelalterlichen Motto entsprechend, „Jeder ist seines Glückes Schmied“, brachten vor allem wir Westler den steinzeitlichen Begriff des Wettbewerbs in den Diskurs der Kulturarbeiter der Wendezeit ein. Kreativ Industries als Trüffelschweine. Künstler die sich eher einem „Nicht jeder Schmied hat Glück, darum lasst uns gemeinsam handeln“ verbunden fühlten, wurden entweder als Linksradikale diffamiert, oder als nützliche Spinner missbraucht.

Auch gab es einen viel zu großen Abstand zu den DDR Intellektuellen und DDR Staats-Künstlern, da diese, berechtigterweise, der neuen Zeit misstrauisch gegenüberstanden. Sie verabsäumten es sich mit den geänderten Umständen wirklich auseinander zu setzen. Sie versuchten, sich entweder mit dem, von ihnen letztlich imaginierten, neuen System, das dann doch nur ein Uraltes ist, zu arrangieren oder zogen sich in die Bedeutungs- oder eine,laut schimpfende, Sprachlosigkeit zurück.

Trotz alle dem, entstand in der Wendezeit eine Berliner Kunstszene, die in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit bis zum heutigen Tag internationale Impulse setzt, neue Standarts und Formate entwickelt. Berlin ist mehr denn je, ein Kreativitätsgenerator der für Demokratie und eine Zukunft der Vernunft wirkt, auch wenn dies für manche Kreise ein Stachel im Fleische zu sein scheint. Gleichwohl ist es gegenwärtig für neue, junge Kunst sehr schwer in dieser Stadt Fuss zu fassen. Es wird abzuwarten sein, ob dies mittelfristig nicht zur Vernichtung künstlerischer Ansätze durch eine immer mehr hysterisch agierende, zum Scheitern verurteilte, „wollt ihr den totalen Markt-Logik“ führt.

Das Kunsthaus Tacheles befand sich von Anfang an zwischen den oben angeführten Frontstellungen. Innerhalb der ersten beiden Jahren kam es bereits zu nicht wieder gutzumachenden Kardinalfehlern, die 20 Jahre später zur Schließung des Hauses führen sollten. Ost und West kamen nie tatsächlich zusammen, sie existierten parallel nebeneinander her, anstatt gemeinsam einherzuschreiten. Unser Ego hindert uns zu oft an Selbsterkenntnis und Vernunft.

Der größte Irrtum des Tacheles war die Eigentumsfrage nicht richtig anzugehen. Die westdominierte „selbstbestimmte Verwaltung“ des Hauses, setzte aus blauäugiger Naivität, Gier und schlichtem Nichtwissen heraus auf private Investoren, somit war das Ende des Kunsthauses von Beginn weg vorprogrammiert.

Dass das Tacheles dann noch über 20 Jahre existierte, ist der geschickten Spin-Doktorei vieler Künstler, Freunde und Aktivisten des Hauses zu verdanken. Sie verstanden es, die Kunstruine als Gesamtkunstwerk zu etablieren. Sie entwickelten über die Jahre das Tacheles zur unverwechselbaren Marke, die so schnell und beweglich agieren konnte, dass sie Angriffen von Neidern, Politik und neoliberaler Wirtschaftsgewalt zwei Jahrzehnte lang widerstehen konnte.

Gesamtkunstwerk, meint in diesem Zusammenhang, dass die Künstler Juristerei, Medienarbeit, Kunst, Politik, Wirtschaft, das Leben und den ganzen verdammten Rest als eine Art Konzeptkunstwerk begriffen, dass sie in die Lage versetzte den Autoritäten gegenüber völlig frei und auch, dort wo es angezeigt war, respektlos zu agieren... „never mess around with an real artist - you may loose a lot“. Unseriöse Investoren und giergetriebene Banken bzw. Antwaltskanzleien können auch heute noch ein Liedchen davon singen.

Im Nachhinein ist man immer klüger, aber einige Punkte gilt es doch näher zu untersuchen, um aus den Fehlern zu lernen und daraus Strategien für die Zukunft zu entwickeln. Ein Schlüsselereignis ist die Frage nach Grund und Boden, die Gründer des Tacheles hätten wissen müssen, dass nur das Eigentum an Haus und Grund ein tragfähiges Zukunftskonzept ermöglichen. Man hätte von Anfang an die öffentliche Hand, die Stadt Berlin und die Bundesregierung, mit der Forderung „Her mit dem Kunsthaus“ konfrontieren müssen und nicht nach privaten Investoren schielen müssen.

Mit geschickter Argumentation und Agitation, wäre es durchaus im Bereich des Möglichen gelegen die hundertprozentige Privatisierung des Areals zu verhindern. Berlin und die Bundesrepublik hätten heute einen Riesengewinn dadurch und weniger halbleer stehende Investmentruinen, die sich kein Schwein leisten kann.

Zu den zahllosen anderen Fehlern bleibt mir, aus Zeitgründen, nur mehr ein Zitat aus der linken Tageszeitung Junge Welt vom 28.09.2016 übrig, das anlässlich einer Buchpräsentation erschien:

Zitat:.../ Die außer acht gelassene Leistung des Martin Reiter, der als unerbittlicher Vorstand des »Nervoes« aka e. V., das Haus samt Freiflächen in ein Eldorado der nicht- etablierbaren No-Budget-Kunst transformierte. Er vertrat vehement das»Konzept der »Fluktuation in den Ateliers«, speckte die ewig am Mehrwert der Kulturschaffenden schmarotzenden Verwaltungskosten ab, und mit ihnen einen ganzen Schwarm von Altvorderen. Er lief leider gerisseneren Dauerbesetzern und Gewinnabschöpfern ins Garn. Eine Kofinanzierung der künstlerischen Aktionen aus den Einnahmen der gewinnbringenden Bereiche war nicht einmal denkbar. Die sicheren Jahre nach dem Abschluss des Mietvertrages 1998 wurden in absurden, internen Rechtsstreitigkeiten mit dem Café Zapata und den Metallwerkstätten vergeudet, während im Haus und auf den Freiflächen ein omnipräsentes Merchandising florierte. Kein Wunder, dass sich nicht nur geschäftstüchtige Altinsassen »von netten Herren mit Geldkoffern« verführen ließen, womit die innere Spaltung beschleunigt wurde. Der Entwurf Tacheles stand von Anfang auf der Kippe. Den Tacheles-Pionieren kann das nichts anhaben. Sie haben Berlin den Nimbus seiner kulturellen Freizügigkeit vermacht und die Most-Wanted-Immobilie mit einer sinnlichen Ästhetik imprägniert. …/ Zitat Ende

Am Ende bleibt mir nur übrig zu hoffen, dass die unzähligen neuen Initiativen in Berlin und anderswo aus unseren Fehlern lernen mögen.

Kunzt muss die Welt verändern ! Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit und begebe mich zurück in meine Werkstatt um weiter an einer Interventions-Maschine zu basteln - Danke ...

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